20. Musikwoche der GDMSE

28. März bis 3. April - ein Bericht

"Wir sind ins kalte Wasser gesprungen und lernten das Schwimmen", sagte Franz Metz. "Und unsere Musikwoche, wie auch all die anderen Aktivitäten, beweisen, dass wir es geschafft haben, in der für uns nicht einfacher gewordenen Welt zu überleben." Das waren Worte der Genugtuung zu einer regulären und doch außergewöhnlichen Mitgliederversammlung der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa (GDMSE). In der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein nahe Heilbronn, wo die GDMSE fast schon ein zweites Zuhause hat, wurde Anfang April die 20. Auflage ihrer Musikwoche gefeiert.

Die Musikwoche: Herzstücke der GDMSE-Arbeit

Die Löwensteiner Musikwoche ist seit vielen Jahren das Herzstück der GDMSE-Aktivitäten: Hier kommt über eine ganze Woche hinweg Musik deutscher Komponisten aus Südosteuropa zum Klingen, hier verschmelzen wissenschaftliche Ziele mit der Emphase von weit über 100 begeisterten Laien- und Profimusikern. Und hier ist auch Raum für den Austausch von Ideen und Erfahrungen in der jährlichen Mitgliederversammlung.

Im Jubiläumsjahr 2005 erhielt diese Sitzung zusätzlichen Glanz durch Ehrungen für Mitglieder und musikalische Wegbegleiter der Musikwoche: Zu Ehrenmitgliedern der GDMSE wurden die Komponisten Hans Peter Türk und Helmut Sadler sowie die Musikwissenschaftler Karl Teutsch, Robert Rohr und Helmut Loos ernannt. Der GDMSE-Vorsitzende Dr. Franz Metz dankte Antje Neumann (als ehemaliger Leiterin), Wolfgang Meschendörfer (als jetzigem Leiter), Horst Gehann und Peter Szaunig mit einem Diplom für die viele Arbeit, die Planung und Organisation der Musikwoche in den vergangenen 20 Jahren mit sich gebracht haben. Die Erinnerung galt aber nicht nur den Erfolgen und Verdiensten, sondern auch den Verlusten: Mit Prof. Gotthard Speer (verstorben im März 2005), Wolf von Aichelburg, Konrad Scheierling, Anneliese Barthmes, Wilhelm Georg Berger und Hans Dasch hat die GDMSE im Laufe der Jahre sechs wichtige Persönlichkeiten verloren.

"Den Entwicklungen der Zeit anpassen"

Zum Abschluss eines Vortrags, der unter anderem die aktuelle Lage der deutschen Musikkultur in Südosteuropa in den Blick nahm, formulierte Franz Metz vier Anliegen: Er wünsche sich, dass es der GDMSE gelingen möge, sich den Entwicklungen der Zeit anzupassen, dass die Musikwoche auch weiterhin eine zentrale Rolle in den vielen Aktivitäten unseres Vereins einnehmen und dass die musikwissenschaftliche Arbeit der Gesellschaft eine immer weitere Verbreitung und Wahrnehmung finden möge. "Und nicht zuletzt, dass wir auch weiterhin in guten Aufführungen die Musik unserer siebenbürgischen oder Banater Komponisten so wiedergeben, dass sie Einzug finden kann in das Konzertleben unserer Zeit."

Vier Ehrenmitglieder ernannt

Über jedes der neuen Ehrenmitglieder der GDMSE ließen sich viele Zeilen schreiben: über die bewegende, in moderner Tonsprache Menschliches vermittelnde Musik des Klausenburger Komponisten Hans Peter Türk ebenso wie über die wissenschaftliche Akribie und Ausdauer eines Karl Teutsch, den tiefen Einblick eines Robert Rohr und die Fähigkeiten eines Helmut Loos, nicht nur Theorie zu lehren, sondern auch Netzwerke zu knüpfen zwischen Ost- und Westeuropa.

Der Komponist Helmut Sadler, bei der Mitgliederversammlung persönlich mit Frau und Tochter zugegen, ist der GDMSE und der Musikwoche seit vielen Jahren verbunden. Er hat noch in jedem Jahr Werke zugesteuert - und konnte Anfang April erleben, wie der von Marco Lechler geleitete Chor der Musikwoche in der prächtigen Stiftskirche zu Öhringen seine Cäcilienmesse aufführte.

Messe für den Kirchenchor "Cäcilia"

Dieses Werk ist, anders als der Titel vermuten lassen könnte, nur indirekt der Schutzheiligen der Musik, der heiligen Cäcilie, gewidmet. Ihr Widmungsträger ist der katholische Kirchenchor "Cäcilia" in der Gemeinde Mauer bei Heidelberg. Als der Komponist Anfang der 70er in dem Ort ansässig geworden war, baten ihn die Sängerinnen und Sänger des Chores um eine Messkomposition. Die Cäcilienmesse entstand in enger Anbindung an die praktischen Möglichkeiten: Helmut Sadler bemühte sich ganz bewusst um Verständlichkeit und um eine Musiksprache, die auch in einem dörflichen Umfeld Anklang finden sollte. "Alle sollten gefesselt sein", betont Sadler.

Zuerst wurde der Chor "Cäcilia" bei der Messe nur von einem Blechbläserquartett begleitet, später traten Pauken und eine Orgel, schließlich auch noch Streicher hinzu. In dieser Besetzung erfreut sich die Cäcilienmesse bis heute großer Beliebtheit nicht nur in Mauer, sondern auch in Crailsheim und anderen Orten. Am 2. April schließlich wurde die Messe erstmals in der Besetzung für Sinfonieorchester, also mit Holzbläsern (statt Orgel) aufgeführt.

Persönliches Bekenntnis

Mit den Besonderheiten des dörflichen Musiklebens ist Helmut Sadler übrigens schon aus seinen Jahren in Siebenbürgen gut vertraut: Auch dort wurde in den Gemeinden viel gesungen und gespielt, stets im Rahmen der instrumentalen und vokalen Möglichkeiten. Es entstand u.a. die kantatenähnliche, sangliche Gattung des "Dictums". Sadler selbst begleitete in seiner Jugend zahllose Male Dorfkirchenchöre an der Orgel. Zugleich ist die Cäcilienmesse aber ein Bekenntniswerk - Helmut Sadler hat in jedem ihrer Sätze (die den Ordinariumsteilen der lateinischen Messe entsprechen) persönliche Eindrücke verarbeitet. Dazu gehört tiefe Trauer über den Tod von nahen Verwandten.

Der unmittelbaren, unverstellten Wirkung der Cäcilienmesse konnten sich weder die Zuhörer in Öhringen noch die Choristen und Instrumentalisten entziehen. Viel Applaus nach einer guten Leistung der Musikwochen-Ensembles - die freilich froh waren, mit diesem Werk weniger an die Grenzen des Machbaren gekommen zu sein als im Jahr 2004 mit dem gewaltigen Oratorium "Der Allmacht Wunder" von Johann Lukas Hedwig.

Dozentenkonzert in der Deutschmeisterhalle

Ein ausgesprochen erfolgreiches Experiment war die Verlegung des traditionellen Dozentenkonzertes der Musikwoche in Gundelsheim vom Festsaal auf Schloß Horneck in die nahe Deutschmeisterhalle. Schön, dass die Leitung des Altenheimes im Schloß Horneck die Werbung für den Abend unterstützte - schön auch, dass die Stadt Gundelsheim wie in den vergangenen Jahren die Gema-Gebühren übernahm.

200 Zuhörerinnen und Zuhörer erlebten ein wie immer buntes, wenngleich nie beliebiges, dabei exquisit musiziertes Programm. Hannah König (Blockflöte), Harald Christian (Violine), Ilse Herbert (Cello) und Liane Christian (Klavier) boten auf modernen Instrumenten mit viel barockem Gespür eine Triosonate von Telemann. Renate Dasch (Mezzosopran) und Johanna Boehme (Sopran) sangen - begleitet von Liane Christian - traurig-schöne Lieder von Paul Richter und dem unbekannten, keineswegs zu vernachlässigenden Banater Komponisten Heinrich Weidt (1824-1901).

Werke von Richter, Todutza und anderen

Emotionale Spannungspole waren die meditative, stark von rumänischer Volksmusik beeinflusste Flötensonate Nr. 2 von Sigismund Toduta (mit Wolfgang Meschendörfer und Liane Christian) und das brillante, teuflisch schwere Virtuosenstück Navarra für zwei Violinen und Klavier. Der Geiger Harald Christian und seine 15-jährige Tochter Sarah - Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe - heimsten dafür den wohl größten Applaus des Abends ein. Musikalischer Höhepunkt war dennoch zum Abschluss Paul Richters oft an Brahms gemahnendes Klavierquartett d-Moll, wiederum mit Harald, Sarah und Liane Christian sowie Ilse Herbert.

Ein drittes öffentliches Konzert der Musikwoche bot in der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein die junge Banater Pianistin Susanna Bartál - ein kraftvoller, kluger Beweis hervorragenden Könnens und großer Disziplin bei nicht weniger als sieben verschiedenen Komponisten. Von Susanna Bartál wird man noch hören - demnächst studiert sie in Paris.

Ausstellung zum Jubiläum der Musikwoche

Das anfangs erwähnte Jubiläum der Musikwoche spielte freilich nicht nur bei der Mitgliederversammlung eine Rolle: Am vorletzten Abend ließ die langjährige Leiterin der Woche, Antje Neumann, 20 Jahre Musikwoche Revue passieren; zuvor hatten sie und Bettina Meltzer eine kleine Ausstellung mit Bildern und Programmen der Woche von 1986 bis 2004 zusammen gestellt.

Drei interne Konzerte boten den über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Musikwoche genügend Raum, um während der Woche eingeübte oder bereits vorher einstudierte Werke aufzuführen. Dass es dabei auch Professionelles zu hören gab, versteht sich von selbst. Doch war Musik hier ebenso ein beeindruckendes Gemeinschaftserlebnis, ein Fest der Generationen, die - welch ein Glück - vom Kleinkind bis zur Großmutter in gleichmäßiger Verteilung vertreten waren. Der interne, vertraute Rahmen dürfte manchen Laienmusiker ermutigt haben, seine musikalischen Fähigkeiten einem größeren Kreis zu präsentieren. Wie in den vergangenen Jahren waren - vermittelt durch die Klausenburger Pianistin Gerda Türk - vier junge Musiker aus Rumänien Gast bei der Musikwoche: eine Bereicherung für sie selbst ebenso wie für die anderen Teilnehmer und auch die musikalische Qualität.

Starke Stütze: das Dozententeam

All das wäre freilich nicht denkbar ohne den Einsatz der Dozenten der Musikwoche, die zuvor Garanten für Stabilität und Weiterentwicklung sind. In ihrem Vortrag zur Mitgliederversammlung hatte die langjährige Teilnehmerin Hildegard Barth zurecht betont: "Die jetzige Dozentenbesetzung hat eine solche Zugkraft entwickelt und die Musikwoche ist ein solcher Selbstläufer geworden, dass man sich um neue Interessenten nicht sorgen muss."

Die Leitung des Chors und Gesamtleitung des Ensembles lag in den Händen von Marco Lechler aus Pfedelbach bei Öhringen, für die Sänger war Renate Dasch (Berlin) zuständig, für die Bläser Bärbel und Thomas Tirler (Marl). Harald Christian (Augsburg) leitete die hohen und Ilse Herbert (Klausenburg) die tiefen Streicher an, Liane Christian (Augsburg) die Pianisten, Hannah König (München) die Blockflöten, Gertraud Winter-Sailer (Augsburg) den Jugendchor und die Kindergruppe, Antje Neumann und Bettina Meltzer schließlich die Tänzer. Für die Gesamtleitung waren Wolfgang Meschendörfer und Johannes Killyen verantwortlich.

Zahlreiche Sponsoren

Ebenfalls eine Unmöglichkeit: die Löwensteiner Musikwoche - mittlerweile ein logistisches Großunternehmen - ohne die Unterstützung von treuen Sponsoren auf die Beine zu stellen. Der Woche zur Seite standen das Kulturreferat der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, die Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung, das Kulturreferat für Südosteuropa im Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm, die HOG Kronstadt, die HG Hermannstadt - und nicht zuletzt die Evangelische Tagungsstätte Löwenstein.

Johannes Killyen