Deutsche Musik in Südosteuropa im 21. Jahrhundert

Seit 20 Jahren gibt es nun die Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa e.V. - bis 1997 als Arbeitskreis Südost im Institut für deutsche Musik im Osten, Bergisch Gladbach. Laut 2 der Satzung ist unser Ziel die Pflege, musikpraktische und wissenschaftliche Aufarbeitung historischer sowie zeitgenössischer Musikkultur der Deutschen aus Südosteuropa in ihrem integralen regionalen Zusammenhang mit der Musikkultur benachbarter Völker.

Die regionale Musikhistoriographie ist besonders für den südosteuropäischen Raum von größter Bedeutung, haben doch hier die zahlreichen neuen Grenzziehungen auch das Miteinander der Kulturen ständig beeinflusst. Manche historisch gewachsene Regionen wurden durch neue Grenzziehungen auf mehrere Nationalstaaten verteilt (z.B. Banat, Bukowina, Batschka).

Die Rolle der Minderheiten ändert sich

Somit änderte sich jedesmal auch die Rolle von ethnischen, nationalen und religiösen Minderheiten. Die Arbeit an Biographien oder Monographien kann dadurch nur durch eine grenzüberschreitende Forschung erfolgen und durch die Entstehung und Förderung dieser zukünftigen Euroregionen könnte dies wesentlich erleichtert werden.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahre 1989 ist eine fast hindernislose Forschung in den Archiven Südosteuropas möglich. Im Rahmen von Sicherungs- und Forschungsprojekten konnten in den neunziger Jahren in Rumänien und Ungarn zahlreiche Archive gesichert und erforscht werden. Die Aufarbeitung dieser Fülle von Dokumenten wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Dafür werden die Kontakte zu südosteuropäischen Bibliotheken, Archiven und Sammlungen kontinuierlich gepflegt.

Kulturtransfer nach Vetreibung

Durch die Flucht, Vertreibung und Auswanderung des größten Teils der deutschen Minderheiten aus den ehemaligen sozialistischen Ländern Südosteuropas in den damaligen Westen - meist in die Bundesrepublik - entstand gleichzeitig ein neuer Kulturtransfer. Dadurch konnten in Deutschland neue Forschungsinstitute, Bibliotheken und Kultureinrichtungen entstehen, die sich dieser "anderen" deutschen Kultur angenommen hatten.

Leider sind in den letzten Jahren immer mehr dieser Institutionen den Sparmaßnamen und politischen Differenzen zum Opfer gefallen. Dadurch wurde eine wichtige Brücke zu den Kulturen Südosteuropas - bewusst oder unbewusst - zerschlagen. Wo sind aber die Grenzen der eigenen Kulturpflege und der Integration? Ist die Musikkultur der aus dem Südosten in die Bundesrepublik eingewanderten Menschen wirklich hier "angekommen"? Wird diese auch zu Kenntnis genommen?

Musik deutscher Minderheiten: Im Sozialismus ignoriert

In den Jahren des Sozialismus wurde die Musik der deutschen Minderheiten in den Ländern Ex-Jugoslawiens, in Rumänien und Ungarn mehr oder weniger ignoriert, dies gilt besonders für die Sparte der Kirchenmusik. Heute wäre diese Forschung in diesen Ländern fast ausnahmslos möglich, doch fehlt es bei den jungen Wissenschaftlern und Studenten meist an Kenntnis der deutschen Sprache.

Dazu kommt noch die Tatsache, das jene deutsche Musikkultur, die z.B. in Siebenbürgen, im Banat oder in der Batschka in den vergangenen Jahrhun-derten entstanden ist, heute nur noch - wenn überhaupt - von einem kleinen Kreis von Interessenten zu Kenntnis genommen wird.

Lebendige Tradition

Und trotzdem: die Musikkultur der Vertriebenen, Flüchtlingen und Aussiedlern in Deutschland und der deutschen Minderheiten in Südosteuropa gibt es noch. Dies belegen die zahlreichen Publikationen, Noteneditionen, CD-Produktionen, Konzerte, Chortreffen und internationale musikwissenschaftliche Symposien.

Wenn es auch keine institutionelle und systematische Musikforschung in diesem Bereich in Deutschland gibt, so ist doch ein steigendes Interesse an diesem Bereich europäischer Kulturforschung zu erkennen - ein Bereich, der auch die junge Generation von Musikwissenschaftlern und Studierenden in unserem Land vor neue Aufgaben stellt.

Dr. Franz Metz