Musikwissenschaftliches Symposium in München

Zahlreiche Musikwissenschaftler sprachen über die Musik der Deutschen in/aus Südosteuropa

Samstag, 19. Februar 2005 fand im Adalbert-Stifter-Saal des Sudetendeutschen Hauses, München, ein musikwissenschaftliches Symposium statt, dass die Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa e.V. (GDMSE) veranstaltet hat. Dieser Verein besteht nun seit mehr als 20 Jahren und setzt sich für die Erforschung, Pflege und Bekanntmachung der Musikkultur der Deutschen in und aus den südosteuropäischen Ländern ein.

Deutsche Musikkultur: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Im Klartext handelt es sich dabei u.a. um die Musikkulturen der Siebenbürger Sachsen, Banater und Donauschwaben wie auch Ungarndeutschen. Vieles verbindet sie, es gibt aber auch historische Unterschiede. Im Mittelpunkt stand diesmal die Rolle der "Musik als interkultureller Dialog", also die Rolle von Musik in solchen europäischen Räumen, in denen mehrere Nationalitäten seit Jahrhunderten - meist friedlich - nebeneinander lebten und teilweise noch leben.

Wie dies mit der Musikkultur in den Herkunftsgebieten der Schwaben und Sachsen war, kann man in einigen wissenschaftlichen Arbeiten nachlesen. Etwas schwieriger ist es mit der Situation der Musikkultur dieser deutschen Vertriebenen, Flüchtlingen und Aussiedlern hier in Deutschland. Wo beginnt die Integration und wo hört die eigene kulturelle (auch deutsche) Identität auf?

Großes Interesse an deutscher Musikkultur in Südosteuropa

Bekanntlich hat sich die Situation auf diesem Kultur- und Forschungsgebiet in der Bundesrepublik speziell nach 1998 durch die "Streichkonzerte" der jetzigen Bundesregierung sehr verschlechtert: Institute wurden aufgelöst, über Nacht umgewandelt, Förderungen wurden gestrichen, Projekte werden zurückgewiesen und eine systematische wissenschaftliche Forschung kann nicht mehr gewährleistet werden. Selbst in den USA kann man heute mehr Interesse für die Belange der Musikkultur deutscher Minderheiten im Südosten Europas finden, als in Deutschland selbst.

Dies beweisen die zahlreichen großen musikwissenschaftlichen Symposien in New York oder die Dissertationen junger amerikanischer Forscher zu ähnlichen Themen.

Unterstützung durch die bayerische Staatsregierung

Umso erfreulicher ist es, dass die Bayerische Staatsregierung solche wissenschaftliche Vorhaben im Rahmen der immer enger werdenden finanziellen Möglichkeiten noch unterstützen kann. Unterstützung kam auch durch die Landsmannschaft der Banater Schwaben, ging es doch in vielen Referaten um die Musikkultur deutscher Minderheiten im historischen Banat.

Die Eröffnungsansprache hielt Dr. Hartmut Singbartl, Vorstandsvorsitzender der Sudetendeutschen Stiftung. Er wies nicht nur auf die Bedeutung der Musikkultur der Vertriebenen und Aussiedlern in unserem Land hin, sondern auch auf die Notwendigkeit, diese besser kennen zu lernen. Im Freistaat Bayern lebt ein großer Teil dieser Deutschen aus dem europäi-schen Südosten und nach Möglichkeit will man auch weiterhin deren Kultur fördern.

1000 Jahre musikkulturelle Wechselbeziehungen

Prof. Dr. Friedrich W. Riedel (Mainz, Sonthofen) hielt das Eröffnungsreferat mit dem Titel "Musikalische Verbindungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem Königreich Ungarn im 18. Jahrhundert". Prof. Riedel hat zahlreiche Buchpublikationen zu ähnlichen Themen veröffentlicht und betreut auch Doktoranden aus diesen Ländern. Bereits durch die Verbindungen des ungarischen Arpadenhauses zu Bayern bestehen seit 1000 Jahren musikkulturelle Wechselbeziehungen.

Dr. Klaus-Peter Leitner (Strube-Verlag, München) sprach zum Thema "Östlich von Wien. Die Wirkung der Wiener Schulen im östlichen Europa aufgezeigt anhand ausgewählter Musikbeispiele des 18. bis 20. Jahrhunderts". Der Münchner Strube-Verlag hat nämlich in den letzten Jahren 2 interessante CDs mit dem Hermannstädter Bachchor herausgebracht, die vorgestellt wurden. Gleichzeitig wies Dr. Leitner darauf hin, dass es in diesem Bereich Parallelen zu der Bayerischen und Baden-Württembergischen Musikforschung gibt.

Forschung auf einem guten Weg

Die Erforschung der deutschen Musikkultur im Südosten befindet sich eigentlich auf einem guten Weg, sieht man von einzelnen "Sackgassen" ab, die in einer regionalen Musikschreibung vermieden werden müssten. Aber ähnliche Schwierigkeiten gibt es auch im Bezug auf Sparten der bayerischen oder baden-württembergischen Musikforschung.

Frau Hildegard Barth (Sankt Georgen) gehört zu jenen Teilnehmern der Musikwoche der GDMSE, die seit dem Anfang dabei war. Sie sprach über "20 Jahre Musikwoche der Gesellschaft für Deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa". Tatsächlich hat diese Musikwoche nicht nur Kontinuität sondern auch Erfolge aufzuweisen: immer mehr Jugendliche nehmen daran teil, und das künstlerische Niveau lässt sich zeigen und hören.

20 Jahre Musikwoche der GDMSE

Aus der damals von einigen Kritikern als "Kaffekränzchen" bezeichneten Musikwoche ist eine Veranstaltung geworden, deren Protagonisten schon immer wussten, welches die Richtung ist: zahlreiche im Banat oder in Siebenbürgen entstandene Werke werden erstaufgeführt, zeitgenössische Komponisten aus Rumänien und Deutschland widmen den Ensembles der Musikwoche neue Kompositionen und in jedem Jahr kommen junge Musiker (Studenten und Schüler) aus Rumänien.

Und nicht zuletzt: Musiker aus Deutschland, die mit Siebenbürgen und dem Banat biographisch nichts zu tun haben, beginnen sich für diese "andere" deutsche Musikkultur zu interessieren, mit all ihren Interferenzen und Tangenzen zur Musikkultur der Rumänen, Ungarn oder Serben.

Chancen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

Dr. Franz Metz (München), der auch der Initiator und Leiter dieses Symposiums war, sprach über "Südosteuropäische Musikforschung und die Musik der deutschen Minderheiten". In den letzten Jahren - besonders nach dem Fall des Eisernen Vorhangs - bestehen neue Möglichkeiten, die Musikgeschichte der deutschen Minderheiten Südosteuropas zu entdecken. Was von Deutschland aus als "Südosteuropäisch" betrachtet wird, hat seine Ursprünge oft in der mit-teleuropäischen - also auch deutschen - Kulturgeschichte.

Selbst die rumänischen Kulturschaffenden um 1848 sehnten sich nach der Walzermusik von Johann Strauss, um die türkische Musik aus dem Land zu verdrängen. Nach all den bisher gescheiterten Versuchen des 20. Jahrhunderts, hätte man nun die Möglichkeit, auch die Musik der deutschen Minderheiten objektiv und wissenschaftliche zu erforschen. So wurde z.B. bisher keine andere südosteuropäische Volksmusik so wenig untersucht, wie die der Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen.

Wenig untersucht: Deutsche Volksmusik aus Südosteuropa

So kann die rumänische, ungarische und serbische Ethnomusikologie dieses Raums unvergleichlich mehr vorweisen, als jene der deutschen Minderheiten. Selbst die in Deutschland befindlichen Archive und Sammlungen warten noch auf ihre wissenschaftliche Auswertung.

Horst Gehann (Kludenbach) päsentierte die Arbeit seines eigenen Verlags in seinem Vortrag "Deutsche Sprachinseln in Südosteuropa, ihre Musikpflege und schöpferische Leistungen in der Reihe Musikgeschichtliche Studien und in praktischen Ausgaben". Prof. Dr. Helmut Loos (Leipzig) sprach über "George Enescu und Deutschland", wird doch in diesem Jahr des 50. Todestags und 175. Geburtstags Enescus gedacht.

Wunderkind Carl Filtsch

Peter Szaunig (Bad Wörishofen) stellte das aus Siebenbürgen stammend Wunderkind Carl Filtsch den Anwesenden vor, nach dem vor 10 Jahren der Hermannstädter Klavierwettbewerb benannt wurde. Szaunig gehört neben Prof. Walter Kraft aus München zu den Initiatoren dieses Wettbewerbs.

Dr. Richard Witsch (Köln) stellte in seinem Referat einen Komponisten aus der Batschka in den Mittelpunkt: "Südosteuropäische musikalische Vielfalt und Elemente mitteleuropäischer Stilrichtungen verschiedener Epochen als Symbiose in der Musik des Donauschwaben Anton Schoendlinger". Johannes Kirner (München) sprach über eine Messe von Karl Ditters von Dittersdorf, die der Komponist als Großwardeiner Kapellmeister geschrieben hat und die vor kurzer Zeit beim Stuttgarter Carus-Verlag erschienen ist.

Donauschwäbische Knabenkapellen

Robert Rohr (München) bezeichnete die donauschwäbischen Knabenkapellen als einen "Sonderfall der Musikgeschichte", was ihre Weltreisen im 19. Jahrhundert durch Europa, Amerika und Afrika belegen. Widmar Hader (Regensburg) stellte in seinem Referat das Sudetendeutsche Musikinstitut in Regensburg vor, dessen Leiter er ist.

Sämtliche Referate werden in Kürze in einem Sammelband erscheinen, der über die die Adresse der Gesellschaft für deutsche Kultur im südöstlichen Europa zu beziehen ist. (Weitere Informationen unter www.suedost-musik.de)

Walter Wolf, Banater Post